Wie Sprache Denken verändert – Warum ich bei der Initiative „Die bessere Achse“ mitmache

Warum ich bei der Initiative „Die bessere Achse“ mitmache? Als Teil der Kampagne „Die bessere Achse“ stehe ich ein für einen humanen, konstruktiven und wertschätzenden Diskurs auf Basis verifizierter Fakten. Deshalb engagiere ich mich gegen Populismus, Rassismus und Lügen. Allen Menschen und Gruppen, die Opfer solchen Verhaltens werden, stehe ich durch unterstützende Kommunikation zur Seite.

Es war an einem Sommertag vor drei Jahren, als mein damals zehnjähriger Sohn weinend von der Schule nach Hause kam. In der Schule hatte ein Mitschüler ihm einen bösen Streich gespielt. Voller Wut berichtete er mir von dem Vorfall. Er schloss mit dem Satz „Ich hasse ihn, ich hasse ihn so sehr!“ In Ruhe erklärte ich meinen Sohn, dass Hass ein gewaltiges Wort sei, von dem aus es nur ein kleiner Schritt zu destruktiven Emotionen und Handlungen sei – kein guter Weg, weder für einen Menschen noch für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Drei Jahre später müssen wie zusehen, wie sich Begriffe wie Versager, Verräter, Dummschwätzer oder Hater verselbständigt haben, ja gesellschaftsfähig geworden sind. Unsere Rhetorik ist radikaler denn je: Menschen werden im Netz öffentlich an den Pranger gestellt und bedroht. Jeder, der eine Meinung hat, scheut sich nicht, sie offen ins Netz zu stellen. Respekt vor dem Gegenüber? Fehlanzeige. Die Messer sind gewetzt und die Grenzen dessen, was an Sprache akzeptiert wird, hat sich deutlich verschoben.

Gauner im Haus der Sprache

Der Blick in die Politik zeigt die Krux an der Sache mit der Sprache. In den vergangenen Jahren haben gerade im Bereich der Politik Wortblasen und nichtssagende Phrasen inflationär zugenommen: Probleme wurden zu Herausforderungen, Prozesse müssen immer wieder neu optimiert werden, man bekennt sich zu einer Willkommenskultur für Migranten und Parteien nähern sich an. Je ungenauer man etwas sagt, umso weniger kann man zur Verantwortung gezogen werden. Angela Merkel und ihre Mitstreiter verwenden Sätze in einer Komposition, dass wir am Ende des Satzes nicht mehr wissen, was sie eigentlich sagen wollten. Eine solche nichtssagende Sprache produziert im einfachsten Fall Langweile beim Zuhörer. Im schlimmsten Fall produziert sie ein offenes Ohr für die Gruppen, die mit einfachster Sprache kommunizieren.

Die Sprache, die sich vor allem die neuen konservativen Gruppen zu eigen machen, ist kurz, kantig, einfach und ohne verschachtelte Nebensätze. Sie stellen keine Fragen, sondern benennt Forderungen, gerne mit einem oder mehreren Ausrufezeichen versehen. Die dazugehörigen Bildmontagen sind schreiend plakativ. Eine perfekte Kombination, um Menschen schnell zu erreichen: Diejenigen, die wenig Zeit zum Lesen haben und nur Schlagzeilen aufschnappen; diejenigen, die vermeintliche Wahrheiten nicht hinterfragen; diejenigen, die aufgrund ihres Bildungsstandes komplizierten Thesen nicht folgen können; diejenigen, die gelangweilt sind von den nichtssagenden Wortwolken der Politiker.

Sie beanspruchen für sich das omnipräsente „Wir“. Das „Wir“, das gegen die „Anderen“ ist, die Eliten dieser Gesellschaft, gegen die derzeitige Politik, gegen Migranten, gegen Randgruppen aller Art. Zuverlässig werden alle Probleme angegriffen, die sich im Rahmen der Politik und Gesellschaft auftun: „Surf the wave“ eben, klappt immer. Dabei zwingen uns ihre Wörter Dystopien auf. Da geht es um einen Flüchtlingsansturm, eine Flüchtlingswelle, die Überfremdung, eine Obergrenze und Altparteien im Untergang. Sie erzeugen permanent apokalyptische Bedrohungsszenarien und Angst, die unbewusst in unser Denken eingreifen. Während uns die immer neuen Begriffe zuerst unbequem erscheinen, bürgern sie sich irgendwann im normalen Sprachgebrauch ein und werden gedankenlos übernommen.

Der Populismus verwendet Sprache als Waffe, der wir bislang nicht viel entgegenzusetzen haben. Nicht die Politik, nicht die Medien und nicht wir Marketing- und PR-Profis, die mit dem Werkzeug Sprache brillieren müssten.

Sprache zurückgewinnen

Wir sollten, ja wir müssen uns unsere Sprache zurückerobern. Die Frage ist nur, wie? Eine Antwort darauf habe ich heute nicht, nur Ansätze, die eher einem Brainstorming gleichen und wir gemeinsam weiterentwickeln sollten.

  1. Eine wertneutrale Berichterstattung in den eigenen Beiträgen, in Diskussionen auf Facebook, Twitter oder anderswo wäre die Mindestanforderung. Aber die ist gar nicht so leicht zu erreichen. Wir brauchen eigentlich so etwas wie eine semantische Autokorrektur, die uns signalisiert, wo wir unbewusst sprachlich entgleisen. Im Tagesgeschäft der Medien gilt (hoffentlich meistens) noch die Regel des „Vier-Augen-Prinzips“. Vielleicht sollten wir uns diese bei unseren eigenen Beiträgen zunutze machen und Texte durch Mitstreiter auf semantische Auffälligkeiten überprüfen lassen.
  2. Begrifflichkeiten aufdecken und ihre Semantik in die Welt tragen: Viele Menschen wissen nicht, wenn sie problematischen Wortschatz verwenden. Klären wir darüber auf, zum Beispiel in einem reichweitenstarken Blog. Nehmen wir uns Sätze aus Politik, Medien und dem Social Web vor, um auf Begrifflichkeiten aufmerksam zu machen, die sich unbewusst eingebürgert haben. Klären wir auf, woher sie kommen und nehmen ihnen so den Wind aus den Segeln.
  3. Wir selbst sollten zu einer klaren Sprache zurückfinden, einer Sprache, die so schlicht ist, dass sie verstanden und gehört wird. Müssen wir unsere Sachverhalte wirklich so kompliziert oder schwammig ausdrücken, dass sie niemand versteht? Brauchen wir die vierzeiligen und vielfach verschachtelten Sätze? Und machen wir uns damit nicht genau deswegen zum Teil dieser Elite, welche die konservativen Gruppen verachten?
  4. Eigentlich würde ich mir den Aufbau eines positiven Wortschatzes wünschen, der sich bei relevanten gesellschaftlichen und politischen Themen durchsetzen könnte und in den Suchmaschinen-Treffern seinen Niederschlag findet. Natürlich fallen mir Begriffe ein, die zumindest für mich einen positiven Wert haben. Toleranz, Freiheit, Demokratie und Liebe gehören dazu, die aber in Teilen einen passiven, wenn nicht negativen Hauch haben. Für mich persönlich war Merkels Maxime „Wir schaffen das!“ ein solch positiver Begriff, der mich an Obamas „Yes, wen can!“ erinnerte. Doch Beiden wurde ein Strick daraus. 2006 haben wir es im Rahmen der WM geschafft, ein so positives Bild in den ausländischen Medien zu besetzen, wie es uns danach kaum mehr gelungen ist: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war eine Einladung, die sich auch in unserem Denken und Handeln niedergeschlagen hat. Könnten wir hier anknüpfen? Ich weiß es nicht.

Carsten Rossi, Begründer der Kampagne „Die bessere Achse“ wurde in einem Interview der Deutschen Welle gefragt, was seine Grundidee der Initiative sei. Rossi: „Eine schweigende Mehrheit verliert die Macht. Deshalb gilt es jetzt laut zu sein.“ Nun gilt es, die richtigen Worte für die laute Stimme zu finden.

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