Scheiß drauf. Dann bin ich eben kein Kind mehr!

Wer kennt das nicht: Eben haben wir noch jede Nacht Windeln gewechselt, am Kinderbett Abendlieder zur Nacht gesungen, in der Nacht die Zahnfee geschickt und Tränen nach einer verbockten Mathearbeit getrocknet. Und währenddessen ticken die Zeiger der Zeit. Spätestens mit der weiterführenden Schule kommen die ersten Lachfältchen. Wir haben tiefe Augenringe, obwohl wir keine Nächte mehr durchmachen müssen.


Wir brauchen Papier und Stift, um uns Dinge zu notieren, die wir in den nächsten Minuten vergessen hätten. Mit der ersten Zahnspange unserer Kinder kommt bei uns die erste Zahnkrone. Und beim Einkaufen fragen dich deine Kinder, ob sie dir die zu schwere Tasche abnehmen sollen. Und irgendwann kommt der Punkt, da sind die Kinder aus dem Gröbsten raus und kommen alleine klar – meistens jedenfalls. So wie bei uns – eine ganz normale Familie halt. Die 40sten Geburtstage sind gefeiert und man ist näher dran an der Silberhochzeit als an der ursprünglichen Trauung. Die Kinder sind einem im wahrsten Sinne über den Kopf gewachsen. Und wir müssen uns zwingen, Bravo oder Hey zu lesen, um zu verstehen, was die Kinder meinen, wenn sie von Dner, BibisBeatuyPalace oder den Lochis reden. Auch der beruflichen Karriere stehen keine langen Auszeiten mehr im Wege.

Fühlen wir uns deswegen alt? Ich bin mir unschlüssig. Denn ich dachte immer: Das Alter der Kinder definiert unsichtbar eine Grenze, zwischen der man jung oder plötzlich alt ist – egal, ob wir uns vorlügen, dass 40 das neue 30 ist, man ja immer nur so alt ist wie man sich fühle und wir mit den neuen Medien genauso souverän wie die Kids umgehen können- die ewige Jugend sozusagen. Für mich ist das hausgemachter Bullshit., geht es doch vielmehr darum, sich auch im Alter fröhlich und frei zu fühlen und sich immer wieder neue Ziele zu stecken. Ich dachte: Dann jedenfalls, wenn die Kinder groß sind, trete man eine neue Lebensphase ein, die einen Wandel mit sich bringt, eine größere Gelassenheit, weil man vieles schon abgearbeitet hat an Dingen auf der unendlichen Liste, die man immer machen wollte.
Die Wahrheit ist: Zum ersten Mal fühle ich mich selbst wie kein Kind mehr und ja, ein wenig alt. Dabei ist es nicht mein Körper, der mir sagt: Du bist alt! Und es ist nicht meine Energie, die mir sagt: Du bist alt! Und mein Geist ist kreativer denn je.  Die Wahrheit ist: Ich habe mich von einer Lüge fehlleiten lassen. Habe meine Perspektive zu sehr auf mein eigenes kleines Leben gerichtet und auf die Hand, die ich meinen Kindern Tage für Tag reiche. Ja, ich fühle mich alt – aber das hat kaum etwas mit meinen eigenen Kinder zu tun.
Denn auch ich bin ein Kind. Bin es seit 42 Jahren. Gesegnet mit einer Mutter und einem Vater in einer glücklichen Kindheit. Auch wenn ich ihre Hand vor langer Zeit losgelassen habe, durfte ich immer Kind sein. Bei ihnen. Zu Hause: Das ist bis heute die Straße, in der sie leben. Das Haus, in dem sie wohnen. Die Küche, der Platz, wo ich mich wohlfühle. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich meine Mutter vor mir, wie sie in der Küche steht und freitags nach der Schule Pfannkuchen für uns backt. Ich sehe meinen Vater, wie er in seiner Werkstatt an Modellschiffen aus Holz bastelt. Und dann bin ich wieder ein Kind und fühle mich, als ob ich zehn Jahre alt wäre.
Doch dann, dann kommt eine Zeit, wo alles anders wird. Dann sind da plötzlich die Hände meiner Eltern. Die wie durch einen Nebel hindurch nach mir greifen. Zögernd. Abwartend. Bittend. Sie kommen plötzlich aber nicht unerwartet. Leise aber doch hörbar. Ein unerwarteter medizinischer Eingriff steht an. Die Kinder im Urlaub. Dabei muss vieles organisiert werden. Für die nächsten Tage, die nächsten Wochen. Und vielleicht die nächsten Monate. Obwohl unser Alltag keine Rücksicht auf Krankheiten nimmt: Stundenpläne, Geschäftsreisen, Wäscheberge und Artikel mit Deadlines stehen Tag für Tag an. Dabei wohnen wir nicht einmal im gleichen Bundesland. Für mich und meine Schwester ist das alles andere als einfach. Aber die Organisation rund um die OP und Reha für uns ist an sich ein Kinderspiel. besteht doch unser ganzes Leben aus Planung. Für die Eltern ein Berg, der in diesem Moment höher nicht sein könnte. Also greifen wir zu. Ich organisiere und plane Aufenthalte in der für alle unbekannten Stadt. Kaufe mit der Mutter Kleidung und sichte medizinische Unterlagen. Plane die Kinderbetreuung für die Zeit meiner Abwesenheit für meine Jungs. Übernehme Arztgespräche und das Notfalltelefon nach der OP. Und verspreche dem Vater, auf die Mutter aufzupassen. Dann bleibe ich zusammen mit meiner Schwester bei der Mutter, in einer Zeit, wo alle Worte gesprochen sind und man nur auf den erlösenden Anruf des Arztes wartet und das Leben wie immer weitergehen kann. Um ihre Hand zu halten. Um Tränen, die jeder mal weint, zu trocknen. Und um ihr unsere Energie zu geben. Um Verantwortung zu übernehmen.
Ich dachte immer: Das Alter der Kinder definiert automatisch die Grenze, zwischen der man jung oder plötzlich alt ist. Und irgendwie steckt ein Stückchen Wahrheit darin. Nur dass man erst dann kein Kind mehr sein kann, wenn man den Eltern seine Hand zur Hilfe reicht. Bei mir war das der Moment, als ich vor einigen Wochen zum letzten Mal als Kind das Haus meiner Eltern betrat und als Erwachsene die Haustüre hinter mir schloss. Die Wahrheit ist aber auch: Ich dachte, es tut weh. Aber das hat es gar nicht. Denn tief in meinem Herzen, blitzen weiter die Augen des 10-jährigen Kindes in mir, das Purzelbäume schlägt und sich niemals unterkriegen lassen wird.